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Wir in Schweden

Neues vom Sisslesgård

Abenteuer im Land der Wikinger oder wie man im Norden überlebt.


Goooooooold

Kinder Posted on Sun, May 14, 2017 15:39:18

Am Freitag fand der alljährliche Wettbewerb für junge Musiker in Västerås statt, bei dem die besten Musiker und Jugendorchester Schwedens gegeneinander antreten. Bereits 2014 und 2015 kam unsere Bäckablås Windband mit dem Silberpokal nach Hause. 2016 wurde die Windband von einer Lehrerband überholt. Ob hier Fairness im Spiel war, darüber lässt sich streiten. In diesem Jahr war der Auftritt auf 22.30 festgelegt. Aber wer geglaubt hat, das würde unsere Jugendlichen aus dem Rennen schmeißen hat nicht mit Sven und seine Windband gerechnet. Denn dieses Jahr haben unsere fantastischen Jugendlichen den Goldpokal mit nach Hause gebracht. Und die Orchestermama platzt vor Stolz.

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Tempora mutantur

(Über)Leben Posted on Sun, February 05, 2017 17:30:12

Leben ist das, was passiert, während wir dabei sind, andere Pläne zu schmieden.

Dass das Leben eigene Pläne mit uns hat, haben wir in letzter Zeit mehrfach erfahren. Seit 2013 mache ich keine Pläne mehr. Zumindest nicht langfristig. Nicht länger als bis zum nächsten Urlaub. Lohnt sich nicht. Weil es dann doch anders kommt. Nun nimmt das Leben wieder eine Wendung. Wenn vielleicht auch nicht ganz so ungeplant. Jedenfalls wurde das Projekt seit 2013 immer wieder disskutiert. Im Herbst 2016 wurde dann spontan und vielleicht etwas übereilt der Entschluss gefasst. Das Haus wird verkauft. Der Makler rieb sich die Hände und schob mir schnell einen Vertrag unter. Noch am gleichen Nachmittag stand unser Haus online auf hemnet.

Etliche Paare und Familien zogen durch Haus und Garten, kaum jemand der nicht begeistert war, wenn da nicht der Preis gewesen wäre. Ganz zu schweigen von der ab 2018 nicht mehr genehmigten Abwassergrube. Und dann nach Weihnachten ging es plötzlich ganz schnell. Ein junger Mann, rothaarig, Single, Autoschrauber UND (wahrscheinlich) Erbe, biss sich an der Garage fest, bereit jeden Preis zu zahlen. Zustand des Hauses, Abwassergrube … det löser sig. Denn eine Garage in dieser Größe mit verstärktem Boden für eine Hebebühne, davon gibt es eben nicht viele in Vetlanda. Seit Montag ist es nun offiziell. Der Vertrag ist unterschrieben und bis Juli muss ich für uns eine neue Bleibe finden. Sicherlich wird es vieles geben, was ich vermissen werde. Das gute Wasser, die wunderbaren Äpfel und Kirschen, den Wald vor der Haustür. Trotzdem spüre ich große Erleichterung. Und die Aussicht, vielleicht bald einen Garten zu haben, den man einfach auch mal genießen kann, hat etwas.

Etwas zu finden, dass alle zufriedenstellt wird nicht einfach werden. Ein Familienmitglied kommt nur auf Besuch, will aber trotzdem mitreden, zwei Familienmitglieder werden im Laufe der nächsten 1-2 Jahre ausziehen, müssen aber vorläufig noch untergebracht werden und dann gibt es noch jede Menge Möbel, die aus mehreren Haushalten bei uns stehen geblieben sind. Und wo man sich von dem einen oder anderen wird trennen müssen. Denn eins steht jetzt schon fest. Größer wird das nächste Haus nicht werden. Dafür hoffentlich pflegeleicht.

Und dann gibt es noch das magische Dreieck, das den Zusammenhang zwischen Zustand, Lage und Preis beschreibt, und in dem immer ein Faktor auf der Strecke bleibt.

Haus Nr. 1: gute Lage, guter Zustand, aber zu hoher Preis.

Haus Nr. 2: guter Preis, gute Lage, aber Zustand indiskutabel.

Haus Nr. 3: guter Preis, guter Zustand, doofe Lage (und nach der Besichtigung war auch klar, warum der Preis günstig war, weil nämlich – im Gegensatz zu den aufgestylten Bildern – auch der Zustand eine Tendenz zu katastrophal hatte und man sich dank der strahlenden Ytongbauweise der 60er Jahre im Keller ganz ohne technische Ausrüstung röntgen lassen könnte).

Der Favorit ist mittlerweile auserkoren. Das rote Häuschen wäre für meine veränderten Bedürfnisse sicher perfekt und die kleinen Mängel (Fehlen von Badewanne, Kamin, Sauna und Wintergarten) könnten nachträglich behoben werden. Nun muss nur noch G. überzeugt werden. Und es bleibt zu hoffen, dass keine anderen Interessenten mitbieten.

Tempora mutantur, nos et mutamur in illis – die Zeiten ändern sich und wir uns in ihnen.



Cosplay Vetlanda

Oh, wie schön ist Vetlanda Posted on Sat, April 02, 2016 12:49:15

“Cosplay (jap. コスプレ, kosupure) ist ein japanischer Verkleidungstrend, der in den 1990er Jahren mit dem Manga– und Animeboom auch in die USA und nach Europa kam. Beim Cosplay stellt der Teilnehmer eine Figur – aus Manga, Anime, Computerspiel oder Film – durch Kostüm und Verhalten möglichst originalgetreu dar.” Das sagt Wikipedia.

Kostüme nähen, Accessoires basteln und damit auf die Straße gehen. Anica ist diesem Trend seit ein paar Jahren schon verfallen. Seit zwei Jahren gibt es sogar einen Verein im kleinen Vetlanda. Der hatte neulich Besuch von der Zeitung. Das Ergebnis sieht man unten (und außerdem gab’s einen 1-seitigen Bericht in der Wochenendausgabe des Vetlanda Posten vor Ostern mit halbseitigem Bild!):

http://www.vetlandaposten.se/article/cosplay-ar-gladje/




Kleine Polarexpedition

Reisen, Trips, Ausflüge Posted on Mon, February 08, 2016 18:42:05

Wann sollte man eine Reise nach Nordschweden unternehmen, wenn nicht im Winter? Von Göteborg an der Westküste geht es über Stockholm an der Ostküste nach Luleå weit oben im Norden. Der Himmel über Luleå ist blitzeblau und unter uns glitzert die zugefrorene Ostsee als weiße Fläche. Die Lufttemperatur ist mit minus 4 Grad eher mild, fühlt sich aber trotzdem recht beißend an – vermutlich wegen der Lage am Meer. Innerhalb von 3,5 h haben wir etwa 1500 km zurückgelegt!

In Luleå steht dann auch gleich die Besichtigung des Kirchendorfes an – Weltkulturerbe der UNESCO seit 1996. Anschließend Einchecken im Hotel und 3 Stunden Freizeit bis zum Abendessen. Wir wohnenden mitten in der modernen Innenstadt und gehen erstmal einen Schal für G. kaufen sowie ein paar verzehrbare Vorräte für die lange Busfahrt am nächsten Tag. Zurück im Hotel stellt G. fest, dass seine Winterstiefel offensichtlich nach über 20-jährigem Gebrauch deutliche Ermüdungserscheinungen zeigen, in der Form, dass die Sohlen komplett gebrochen sind. Also werden auch gleich noch neue Schuhe gekauft.

Am Dienstag heißt es früh aufstehen, da bereits für 8.00 Uhr die Abfahrt geplant ist. Obwohl wir so weit oben im Norden sind, haben wir die nördlichsten Regionen von Schweden noch lange nicht erreicht. 300 km Fahrt nach Kiruna liegen vor uns. Nach einer Stunde treffen wir auf die ersten Rentiere am Straßenrand. Sie tragen Glocken um den Hals, denn auch wenn sie unbeaufsichtigt herumlaufen, sind es doch Nutztiere mit einem Besitzer. Nach einer weiteren Stunde passieren wir den Polarkreis.

Kilometer um Kilometer lenkt unsere Busfahrerin Elisabeth den Bus mit recht forscher Geschwindigkeit durch tief verschneite Winterlandschaften. Sie ist Einheimische und weiß hoffentlich, was sie tut. Aber vorsichtshalber schnallen wir uns an. Es könnte langweilig sein, wenn nicht gelegentlich Rentiere, ein verunglückter Sattelschlepper oder auch mal ein Elch am Straßenrand stehen würden. Hin und wieder schaut kaum mehr als ein Geweih aus dem Schnee. Eine Herde von etwa 10 Tieren trottet im Gänsemarsch am linken Straßenrand entlang. Aber leider verhalten sich nicht alle so vorschriftsmäßig wie sich einige Kilometer weiter zeigt, wo ein Rentier seinen Leichtsinn mit dem Leben bezahlt hat. Hier im Landesinneren herrschen -11 Grad, die sich aber weit weniger kalt anfühlen als die -4 in Luleå.

Kiruna als Stadt zählt nicht direkt zu den Hundert Sehenswürdigkeiten, die man gesehen haben muss, obwohl der Kinderspielplatz mit Iglu, Labyrinth und Rutschbahn aus Eis definitiv die Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Am Nachmittag steht die Besichtigung der Erzgrube auf dem Programm, eine Werbeveranstaltung des Grubenbetreibers LKAB. Trotzdem ausgesprochen interessant.

Die Männer freuen sich wie Kinder, am Ende ein Tütchen mit Eisenerzpellets mitnehmen zu dürfen und ich freue mich über neue Fachterminologie wie das schwedische “kross”. Zu Deutsch: Eisenerzbruchanlage. Da die Erzgrube zu nahe an der Stadt liegt, wird ein Teil des Stadtgebiets von Kiruna in den kommenden Jahren komplett umgezogen.

Der Mittwoch beginnt erneut mit strahlendem Sonnenschein. Zunächst steht die Besichtigung von Schwedens schönstem Bürgerhaus, einem Ziegelbau aus den 1950er-Jahren, an. Es wird im Rahmen des Umzugs der Stadt abgerissen werden. Ob das nun ein Fehler ist, sei dahin gestellt. Tatsächlich ist die Innenarchitektur recht ungewöhnlich. Die Kirche wird dagegen komplett abgebaut und an anderer Stelle wieder aufgebaut. Ein schöner Holzbau, der durch die vielen Verstrebungen an ein Schiff erinnert (das auf dem Bild ist allerdings der Glockenturm).

Weiter geht es ins etwa 10 km entfernte Jukkasjärvi. Mit jedem Kilometer, den wir uns dem Ort nähern, sinkt die Temperatur um ca. 1 °C bis sie in Jukkasjärvi -24 °C erreicht hat. Wie alle anderen war ich davon ausgegangen, dass wir uns nur kurze Zeit im Freien aufhalten würden, und auf die Thermohose verzichtet. Ein unverzeihlicher Fehler, wie sich schnell herausstellt. Nur wenige Minuten im Freien kriecht die Kälte unaufhaltsam in jede Faser des Körpers.

Nichts wie rein ins Eishotel, um sich aufzuwärmen. Immerhin ist es dort -5 °C warm. Eishotel mitsamt Eisbar und Eiskirche sind einfach unbeschreiblich. Daher kommen hier ein paar Bilder:

Die Nacht verbringen wir heute in Gällivare, einem beliebten Wintersportort. Dank der Sauna im Hotel erreichen meine Füße dann auch noch am gleichen Abend wieder Körpertemperatur. Später wollen wir noch nach Nordlichtern Ausschau halten. Das einzige was sich zeigt, ist das Einkaufszentrum „Norrsken“ (= Nordlicht), der Himmel hüllt sich in Wolken.

Der Donnerstag steht im Zeichen des Wintermarktes von Jokkmokk. Die Temperatur heute: -11 Grad. “Recht behaglich”, wie unsere Reiseleiterin meint. Unddefinitv wärmer wie vor 2 Jahren, als zu dieser Zeit -40 Grad war und der Markt quasi wegen schlechtem Wetter ausfiel. Seit 1605 findet hier alljährlich im Februar der Samenmarkt statt. Anfangs auf dem zugefrorenen See, heute im Stadtzentrum. Dass der Markt im Winter stattfindet hat einen Grund: In früheren Zeiten war es schlichtweg einfacher, weite Strecken zurückzulegen, wenn Seen und Flüsse zugefroren waren. Neben viel samischem Kunsthandwerk und Pelzen finden sich auch die üblichen Stände mit italienischem Käse, marokkanischen Gürteln, tunesischer Keramik, Honig von Gotland, Wundermitteln, Süßigkeiten usw. Kurz nach Mittag fährt eine Samenfamilie in ihren Trachten mit Rentierschlitten und ein paar Rentieren auf einer Art Bühne vor und stellt sich als lebendes Kulturgut für 10 Minuten aus, um fotografiert zu werden. Seit über 50 Jahren macht diese Familie das (vermutlich auch eine Art, Geld zu verdienen). Irgendwie erinnert mich das allerdings an Jahrmärkten in der guten alten Zeit, als Menschen mit besonderen körperlichen Merkmalen ausgestellt wurden.

Ansonsten geben sich die Samen, sofern tatsächlich welche unter den Besuchern oder Verkäufern sein sollten, nicht zu erkennen.

Gregor ist auf der Suche nach einem Gürtel und tatsächlich finden wir bald einen Stand mit kräftigen schwarzen Ledergürteln. Als er diesen zum Probieren um die Taille legt, wird er aufgeklärt, dass es sich um einen Gurt handelt, um Rentieren eine Glocke um den Hals zu hängen. Ich werde dagegen gleich mehrfach fündig. Neben diversen Knöpfen aus Rentierhorn für die ich zwar noch keinen Verwendungszweck habe, aber sicher einen finden werde, nenne ich bald eine Sitzunterlage aus Gotlandschafwolle und einen kleinen Rentierfellrest mein eigen. Etwas später am Lagerfeuer kommen sie auch gleich zum Einsatz und, ja, sie wärmen ganz vorzüglich.

Der Hundeschlittenparkplatz in Jokkmokk.

Die Nacht verbringen wir, da das Hotel in Älvsbyn überbucht war, in einem charmanten Hotel mit dem Flair der 20er-Jahre in Piteå. Am nächsten Morgen heißt es Abschied nehmen von Norrbotten. Die Sonne strahlt auch heute wieder und taucht den Flugplatz von Luleå in ein gleißendes Licht. Winter kann so schön sein!



Studentfest – Ein neuer Abschnitt beginnt

Oh, wie schön ist Vetlanda Posted on Sun, June 14, 2015 10:02:29

Wer dieses Jahr Mitte Juni in einer kleineren oder größeren schwedischen Stadt unterwegs war, hat sie vielleicht miterlebt, die student-Feiern. Denn Jahr für Jahr im Juni, eine Woche vor midsommar, findet für viele junge Menschen das vielleicht wichtigste Ereignis ihres bisherigen Lebens statt. Sie werden entlassen – entlassen aus der Schule und hinein einen neuen Lebensabschnitt. „De tar studenten“ – wie es auf Schwedisch heißt, sie haben ihren Schulabschluss geschafft. Natürlich wird dieser wichtige Schritt von den jungen Leuten gebührend und leidenschaftlich gefeiert. Jede Schule hat sicherlich ihre eigenen Traditionen, vieles im Ablauf ist aber an allen “gymnasieskolor” gleich.

In Vetlanda erhalten alle Klassen etwa 1 Woche vor ihrem endgültig letzten Schultag ihren „studentuppdrag“. Ein Wettbewerb, bei dem die Klassen zahlreiche mehr oder weniger verrückte Aufgaben lösen müssen. Zum Beispiel eine Dose „surströmming“ in weniger als 1 Minute essen oder mit Schnorchel und Taucherflossen die Wildwasserbahn Flume Ride im Vergnügungspark Liseberg herunterfahren oder 300 Kronen der Organisation Rädda Barnen spenden. Das Ergebnis entscheidet, in welcher Reihenfolge die „studenten“ am letzten Tag aus dem Schulgebäude rennen dürfen und das wird sehr ernst genommen. Am Tag vor dem großen Tag wird der „studentflak“ (ein LKW mit offener Ladefläche oder Anhänger) mit Birken und Spruchbannern geschmückt. Dazu wird Muttis altes Laken mit meist nicht ganz jugendfreien bis obszönen Sprüchen (weshalb wir hier kein Beispiel nennen können) beschrieben und bemalt und jeder Schüler verewigt sich mit seinem Namen (oder in einem Fall mit einem aufgetackerten Slip/Tanga). Herzstück des „flaket“ sind die Lautsprecher, die zu mieten lassen sich manche Klassen richtig viel Geld kosten (alles wird übrigens von den Schülern organisiert und gezahlt).

Ganz wichtig für den großen Tag ist die Kleidung. Jungs in Anzug und Krawatte/Fliege, Mädchen im weißen Kleid. Obligatorisch ist die „studentmössa“ eine weiße Schirmmütze, die meist mit dem Namen und dem durchlaufenen Programm plus Jahreszahl bestickt wird. Die kleine Rosette in der Mitte kann in der Farbe des Programms und einem Schmuckstein gewählt werden. Auch für das Futter gibt es unterschiedliche Stoffalternativen. Die Mützen werden individuell angefertigt und der Preis beginnt bei ca. 600–700 Kronen – nach oben offen.

Den Eltern steht die wichtige Aufgabe zu, ein „studentskylt“ anzufertigen/anfertigen zu lassen. Dazu wird ein Kinderbild vergrößert, auf einen Karton aufgezogen und an einer Stange montiert. Das Schild ist insofern wichtig, damit die Schüler bei dem Trubel später bei der Entlassung leichter zu ihren Angehörigen finden.

Der letzte Schultag beginnt mit einem Champagnerfrühstück zusammen mit den Klassenkameraden. Nach einer internen Feier mit Vergabe der Zeugnisse ist endlich die Zeit für die Entlassung aus der Schule gekommen. Klassenweise (d. h. nach dem Programm, das sie während der 3 Jahre auf der „gymnasieskola“ durchlaufen haben) rennen die jungen Leute aus dem Schulgebäude und zu ihren Eltern und Geschwistern, die auf dem Schulhof schon ungeduldig warten. Und dann wird gratuliert, dem eigenen Kind, den Freunden der Kinder, die Kinder gratulieren sich gegenseitig, jeder gratuliert jedem und alle sind den Tränen nah vor Rührung und Freude und Aufregung – und dazu werden kleine Geschenke an blau-gelben Bändern um den Hals gehängt:

Blumen, Plüschtiere, Latexhandschuhe für die zukünftige Krankenschwester, Sektgläser, Trillerpfeifen, Tröten, Klappern, noch mehr Blumen, Wasserflaschen, um einem Zusammenbruch bei dem kurz darauffolgenden Umzug vorzubeugen und andere lustige Dinge… Alles was sich an einem Band um den Hals hängen lässt ist erlaubt. Manche studenten brechen fast zusammen vom Gewicht der vielen Kleinigkeiten.

Wenn dann genug gratuliert wurde, marschiert man gemeinsam zum Marktplatz. Dabei wird selbstverständlich mit den neuen Trillerpfeifen, Tröten, Klappern und der eigenen Stimme größtmöglicher Lärm gemacht. In den Seitengassen rund um den Marktplatz sind die studentflak geparkt, die nun für den weiteren Umzug bestiegen werden. Die Boxen werden angeschmissen und auf den Ladeflächen wird gefeiert, getanzt und getrunken (wir vermuten, nicht nur Wasser), während die LKWs unter permanentem Gehupe die Storgatan herauf und herunter fahren. Volksfeststimmung herrscht in der Stadt.

Der Nachmittag gehört dann der Familie. Gewöhnlich wird mit gutem Essen gefeiert, es darf gerne ein kaltes Buffet oder Finger Food sein und natürlich dürfen Erdbeeren nicht fehlen. Und während dann am Abend die Eltern mit den Aufräumarbeiten beschäftigt sind, treffen sich die jungen Leute mit ihren Klassenkameraden, um ein letztes Mal miteinander zu feiern, bevor sich die Freunde in alle Winde zerstreuen…



Vetlanda festen 2015

Oh, wie schön ist Vetlanda Posted on Sat, May 30, 2015 13:59:06

Das Wetter hätte kaum schlechter sein können, heute, wo die Stadt feiert. Vetlanda festen. Nach ein paar Jahren Pause findet wieder ein Stadtfest statt. Eksjö hat ein Stadtfest. Sävsjö hat ein Stadtfest. Da will Vetlanda auch ein Stadtfest haben. Und zur Eröffnung spielt – na, wer wohl? Unsere Jungs und Mädels von der Bäckablås Windband. Regen perlt an Schweden naturgemäß ab. Es gibt kein schlechtes Wetter (sonst könnten 89 % der Outdoor-Events in diesem Land nicht stattfinden), nur schlechte Kleidung und die für diesen Zweck haben die Bläser und Trommler schließlich ihre blauen Regenjacken.

Hatte ich schon erwähnt, dass sie auch dieses Jahr wieder den ersten Platz bei den schwedischen Meisterschaften für Jugendorchester gemacht haben? Leider wieder ohne Felix, da er auf Klassenreise in Barcelona war und erst ein paar Stunden nach der Abreise des Orchesters nach Västerås wieder in Vetlanda eintraf. Stolz darf man trotzdem sein.

Eine ganze Weile muss ich mich bei noch geschlossenen Geschäften in der kalten, regennassen Stadt herumtreiben. Anica steht derweil mit ihrer Cosplay-Gruppe am Stand bei den Vereinen – heute als Nick Fury von den Avengers mit schwarzem Ledermantel und Augenklappe. Immerhin hat es ein Gutes. Unter all den Ständen entdecke ich „Backelit“, den deutschen Bäcker, der so wunderbares Bio-Roggenbrot bäckt (also zumindest schmeckt es nach Bio und nicht nach Backmischung). Gute Gelegenheit den Eisschrank mit Brot zu befüllen. Und dann hört man in der Ferne der Storgatan endlich Trommelwirbel, die rasch lauter werden. Bäckablås Windband marschiert eine Runde um den Marktplatz und nimmt Aufstellung (die Marschroute wurde deutlich gekürzt). Weitere Marschmusik kommt die Storgatan herunter. Das Njudungsorchester mit den „drillflickor“, den Funkemarichen. Sie nehmen ebenfalls Aufstellung auf dem Marktplatz und bringen einen ganzen Tross an Publikum mit. Bei den Funkemariechen gibt es eine Menge Nachwuchs, d. h. jede Menge Eltern und Großeltern, die noch der Zuschauerpflicht unterliegen. Die Musiker von Bäckablås sind größtenteils schon über 15. Da besteht für Eltern keine Zuschauerpflicht mehr.

Dann kommt das Unvermeidliche. Diverse Stadtoberhäupter nutzen die Gelegenheit, um zur Eröffnung des Stadtfestes Reden zu halten und sich und ihr Tun zu beweihräuchern. Sie stehen auf der überdachten Bühne ja auch im Trockenen, während Zuschauer und Musiker den Naturgewalten ausgesetzt sind. Es fällt vorsichtig ausgedrückt schwer, sich vorzustellen, wie die Bürger in bester Festivallaune gemütlich durch die Stadt bummeln, sich bei diversen Aktivitäten amüsieren, auf dem Pflaster sitzend Livemusik hören und dabei ein Wurst essen oder Kaffee trinken. Man will doch eigentlich nur nach Hause ins Warme und Trockene. Dann wird kostenlos Pannacotta mit Erbeersoße in kleinen Becherchen verteilt. Schmeckt extrem lecker, kein bisschen nach Chemie. Nachdem etwa 40 blaue Luftballons in den Himmel entlassen werden, der heute so gar nicht blau ist, spielen Bäckablås Windband noch ein gemeinsames Stück mit dem anderen Orchester, das – wie Felix mir später glaubhaft versichert – keiner leiden kann, dann marschieren sie zurück zur Musikschule und ich beeile mich in mein kaltes, aber wenigstens von innen trockenes Auto zukommen.

Und nächste Woche um diese Zeit ist schwedischer Nationaltag. Dann wird wieder marschiert.



Polarlichter

Oh, wie schön ist Vetlanda Posted on Fri, March 20, 2015 09:30:44

Der 17. März gegen 23.00 Uhr. Während wir auf „Goodbye Deutschland“ mit Spannung das Schicksal einer deutschen Auswandererfamilie in der Nähe von Kalmar verfolgen, die gerade aus Ersparnisgründen eines ihrer Hühner schlachten muss und allen Ernstes glaubt, dass ein Küchenofen in Schweden für 500 € angeschlossen werden könnte, surfe ich wie immer neben her ein wenig auf Facebook, und bleibe an einem Post hängen, wonach Nordlichter heute bis nach Norddeutschland sichtbar sein sollen. „Nicht für mich“, denke ich, da Himmelserscheinungen wie Sternschnuppenregen, Kometen, Sonnenwinde oder Mondfinsternisse gewöhnlich zu einer Zeit auftreten, zu der ich bereits lange in einem komaähnlichen Tiefschlaf liege. Als ich mich 1 Stunde später zur Ruhe begebe, habe ich die Nachricht auch bereits wieder vergessen. Trotzdem lässt mich mein Unterbewusstsein noch einen letzten Blick aus dem Fenster werfen. Und dann ist da so ein breiter weißer Streifen quer über den Himmel – die Milchstraße heute besonders nah? Wolken? oder müssten die Fenster geputzt werden? Letzteres ist definitiv der Fall. Vorsichtshalber öffne ich aber noch die Tür zur Terrasse, um mir diesen doch sehr breiten hellen Streifen am Himmel etwas genauer anzusehen. Und dann sind da noch sehr viel mehr helle Streifen und Schlieren am Himmel, die sich bewegen und aufleuchten und wieder verschwinden. Im Süden bedecken sie strahlenförmig den ganzen Himmel, bis sie am Horizont mit den Lichtern von Vetlanda verschmelzen. Leider ist keine Handykamera der Welt in der Lage dieses Ereignis einzufangen, weshalb ich hier kein anständiges Beweisfoto vorlegen kann. Und auch G. hätte sich wohl in der Vergangenheit mit der Bedienungsanleitung seiner teuren Hightech-Kamera befassen sollen. So bleibt nur ein schwaches Bild eines Naturschauspiels, dass wir hier im Süden zwar auch nur in abgeschwächter Form erleben durften, dass aber deswegen nicht weniger beeindruckend war.



Fishermans Friend

(Über)Leben Posted on Thu, November 06, 2014 15:07:03

Regen seit gestern Abend. Eigentlich liegt die Luftfeuchtigkeit schon seit Tagen meistens über 100 %. Was ich beim morgendlichen Blick aus dem Fenster aber heute sehen muss, ist denkbar unerfreulich. Besonders wenn der im Mann im Haus gerade nicht im Haus weilt, um etwaige Missstände im Garten zu beheben. Der Wasserstand unseres Sees nähert sich gerade einer neuen Rekordmarke. Die hintere Böschung ist komplett überflutet.

Da es nicht so aussieht als wollte es demnächst zu regnen aufhören, kann ich genauso gut gleich rausgehen und die Lage sondieren. Also rein in die Gummistiefel und runter zum See. Der flache hintere See ist derart vollgelaufen, dass ich mit den Gummistiefeln kaum eine Chance habe. Wo das Ablaufrohr zum größeren See liegt ist nicht mehr zu erkennen. Ich stochere eine Weile mit einer langen Holzstange im Trüben herum, ohne Erfolg. Meine Befürchtung ist, dass Steine davor gerutscht sind. Würde heißen, dass ich mit beiden Armen ins Wasser muss. Bei 2 °C Außentemperatur nicht die rosigste Aussicht. Ich versuche mein Glück von der anderen Seite des Rohres. Nach kurzer Zeit steckt meine Holzstange weit im Rohr und sitzt dort fest. Rien ne va plus, oder wie das heißt. Mit den ruckartigen Bewegungen, mit denen ich versuche, die Stange los zu rütteln, steigt die Gefahr, dass sich die Gummistiefel füllen (Wasserstand max. 5 cm unter dem Stiefelrand). Da gibt’s nur eins: im Frühjahr hab ich genau für diesen Einsatzzweck eine Fischerhose gekauft – Gummistiefel mit angeschweißter Hose, die bis unter die Achseln reicht. Heute ist der perfekte Zeitpunkt, sie zu Wasser zu lassen.

Mit einer weiteren Holzstange rühre ich weiter im Ablaufrohr, und es scheint, als ob sich darin etwas tut. Dann kommt irgendwann Laub heraus gespült. Ein gutes Zeichen. Jetzt wird wieder an der ersten Stange gerüttelt und dann plötzlich – eine Flutwelle, die mich fast umreißt schießt durch das Ablaufrohr. Wenige Sekunden später taucht auch schon das Corpus Delicti auf. Eine flache Plastikschüssel war hineingeraten und hat das Rohr wie ein Diaphragma verschlossen.

Immer wieder beeindrucken (das war heute nicht das erste Mal), mit welcher Wucht das Wasser durch dieses eine Ablaufrohr strömt, wenn sich hinten ordentlich Druck aufgebaut hat. Und schon nach ca. 10 Minuten ist der Pegel deutlich sichtbar gesunken.



Wanderwahnsinn oder die Fastfünfzigjährige, die in den Wald ging und verschwand

Reisen, Trips, Ausflüge Posted on Sun, July 20, 2014 14:53:15


Seit ich im Frühjahr entdeckt habe, dass ein Teil des Jabobswegs (relativ betrachtet) ganz in unserer Nähe vorbei führt, ist eines klar: wenn schon nicht Santiago de Compostela, dann wenigstens Nydala. Das ehemalige Zisterzienser-Kloster gibt ein ausgezeichnetes Ziel für eine Probe-Pilgerwanderung ab. Um im schlechtesten Fall könnte ich mich jederzeit abholen lassen.

Von den Plänen erfährt außer meiner direkten Familie niemand. Nicht, dass es mir noch jemand ausreden will. Oder das ich kurz vorher kalte Füße bekomme… G. ist natürlich alles andere als begeistert. Kein Wunder, wo doch Extrem-Wandern mit unzähligen Gefahren verbunden ist.

Die Planung erweist sich als erste Herausforderung. Zwar gibt es einige Jugendherbergen entlang des Weges, aber die Preise sind mit 700-800 Kronen (für das Doppelzimmer oder die Mehrbett-Hütte – aber ich bin ja alleine unterwegs) ganz schön happig. Außerdem müssen die Distanzen zwischen den Übernachtungen stimmen. Ideal wär die Möglichkeit, ein Frühstück zu buchen und Bettwäsche zu leihen, um das Gewicht im Rucksack zu reduzieren. Die Alternative, Zelt und Schlafsack mitzunehmen, verwerfe ich ziemlich schnell. Ist in jeder Hinsicht nicht tragbar. Ich entscheide mich schließlich für die Variante Billig, Einfach und Schwer. Da ich an meiner ersten Schlafstelle weder Bettwäsche noch Frühstück bekommen kann, muss beides mit in den Rucksack, nebst dem übrigen Essen für 3 Tage und Wasser für einen Tag – zumindest das kann ich ja unterwegs auffüllen. Ansonsten kommt in den Rucksack noch ein Satz Wechselwäsche, falls man nass wir (nass geschwitzt bin ich jeden Tag), ein Regenponcho, 3 Schweizer Messer (eines hatte sich bereits im Rucksack verborgen und wurde erst unterwegs entdeck) sowie etwas zu viel Lesestoff.

Und dann geht es los. Gregor bringt mich zum gewünschten Ausgangspunkt und setzt mich an einem See bei der Wegmarkierung ab. Ab jetzt bin ich auf mich allein gestellt. Der Weg führt mich durch einen lichten Wald bis nach Storejör. Einen Ort, den ich in keiner Karte finden konnte. Jetzt weiß ich auch warum: es handelt sich um ein bronzezeitliches Gräberfeld. Dann stoße ich auf die Landstraße nach Moheda und folge dieser eine Weile. Irgendwo muss ein Feldweg nach Moheda abzweigen. Als ich auf eine andere Landstraße treffe ist klar, dass ich den Abzweig verpasst habe. Der Weg ist das Ziel, ABER NICHT DER UMWEG. Geht ja schon gut los, das mit den Markierungen. Und auch in Moheda selbst bin ich recht froh, dass ich mir den kompletten Weg aus dem Internet ausgedruckt habe. Wenn sich ein Weg nach rechts und links gabelt und die Markierung nach geradeaus zeigt, ist das nicht direkt zielführend. Hinter Moheda – das muss ich im Nachhinein zugeben – kann ich dann aber problemlos, den Markierungen folgen. Alles andere wäre schlecht, denn bei ca. 20 km Fußmarsch täglich, kann jeder Umweg das Aus bedeuten.

Mein Weg führt mich an einem kleinen Hofladen vorbei. Kurz dahinter mache ich Rast und leere die erste Halbliter-Flasche Wasser. Das könnte eng werden mit der Flüssigkeit. Also zurück zum Hofladen. Dort gibt es ausgesprochen feinen Cidre und noch einige andere Leckereien wie gefrorenen Elchbraten. Für den hab ich aber heute keine Verwendung, eine Flasche Cidre muss reichen.

Weiter geht’s an einer großen Kirche mit Gedenkstein für die Auswanderer der Gemeinde Åboda vorbei. Ansonsten ist die Gegend ziemlich verlassen. Auf der Landstraße hinter Slätthög hält dann plötzlich ein Auto neben mir und der Fahrer fragt, ob ich die bin, die in Gamleboda übernachten will. Jaså, denke ich mir, ist das in Gamleboda das Ereignis der Woche? Tatsächlich ist er derjenige, der mir den „hembygdsgård“ aufschließen wird. Ich bin spät dran, er muss noch die Schwiegermutter abholen und er meint, dass es noch an die 10 km sein werden. ZEHN KILOMETER???? Wir vereinbaren, dass ich kurz vor Ankunft anrufe. Gegen 18.30 habe ich mein Etappenziel erreicht.
Der mit dem Schlüssel kommt ist aus irgendeinem Grund verhindert, muss wohl noch die Schwiegermutter abholen und Kühe melken – ich verstehe von seinem durch die Zähne gepressten småländischen Dialekt mit Slätthögschem Einschlag nur so viel, dass der Nachbar in einer Stunde vorbeikommen und mir aufschließen wird. Ska det går bra? Aber klar, oder hab ich eine Wahl? Zeit, mit der Familie zu telefonieren, die überglücklich ist, dass ich den ersten Tag allen Gefahren trotzen konnte, die WM-Ergebnisse vom Viertelfinale abzufragen und einen Schwatz mit einem älteren Herrn vom benachbarten Bauernhof zu führen, der seinen Hund gassi führt. Schließlich kommt der Nachbar, nennt mir die Geheimzahl für das Zahlenschloss an der Rückseite des Hauses, damit ich in dem kleinen förråd an den Schlüsselsafe mit gleichem Zahlencode komme, zeigt mir Haus, Küche und Bad und versorgt mich mit Luftmatratze und Decken. Dann bin ich allein in einem alten knarzenden Haus mit einer Standuhr, die halbstündlich die Stunde schlägt. Das Obergeschoss mit seinem plüschigen Wohnzimmer im Stil der 60er Jahre und mehreren Kammern, die anscheinend als Lager oder Archiv für Schulmaterialien von der Jahrhundertwende bis in die frühen 50er dient, hat etwas leicht Schauriges. Wahrscheinlich spuken hier auch die Geister von kleinen Schulkindern, die noch die Prügelstrafe erlebt haben. Deshalb verbringe ich die Nacht lieber neben der Standuhr im Versammlungssaal im Erdgeschoss. Zunächst aber muss ich duschen. Was mir sofort auffällt: das Wasser riecht kräftig nach Eisen. Und sofort macht sich ein anderer Gedanke breit. Ich muss hier Morgen meine Trinkwasservorräte auffüllen. Auch wenn ich wie ein Kamel lange Durststrecken aushalte, bei diesem Wetter sind 1,5 l das Minimum. Das geht aber nicht, wenn das Wasser nach Eisen schmeckt und man sich für jeden Schluck überwinden muss. Aber wie so oft in solchen Häusern finden sich im Kühlschrank noch einige kleine Getränkepacks, die wohl von einem vergangen Fest übrig sind. Davon kann ich welche „kaufen“, d. h. ein paar Kronen hinterlegen, aufschreiben, was man genommen hat und gut. Die Nacht über lausche ich alle halbe Stunde der Standuhr. Obwohl mein Körper todmüde ist, dauert es bis in den frühen Morgen, bis ich etwas Schlaf finde.

Den nächsten Morgen gehe ich ruhig an, räume das bisschen auf, was ich benutzt habe und mache mich gegen 11.00 Uhr auf den Weg, nachdem ich alle wunden Stellen an den Füßen zugepflastert habe. Die schönen, neuen, teuren Wanderschuhe Marke Wolfspfote waren definitiv nicht lange genug eingelaufen.

Ein kurzer Schwenk beim Nachbarn, der mir gestern den Schlüssel gegeben hat, um nach dem Wasser zu fragen. Ja, es ist eisenhaltig und nein, es ist nicht gesundheitsschädlich und ja, wir benutzen den gleichen Brunnen und unser Wasser schmeckt genauso. Ich rede mir ein, dass das viele Eisen meine Erythrozyten ordentlich pushen wird. Einer Dopingkontrolle sollte ich mich heute vielleicht nicht unterziehen. Dass ich mir ein paar Getränke mitgenommen hab, ist auch in Ordnung „du hast aber hoffentlich nicht zu viel Geld hintergelegt?“, fragt die Nachbarin besorgt nach.

Es wird wieder früh warm, ich stapfe tapfer vor mich hin, heute, im Nachhinein, merke ich, dass ich Erinnungslücken habe. Irgendwo kommt ein riesiges Pfifferlingfeld. Dass ich die nicht mitnehmen kann, schmerzt fast mehr als die Blasen an den Füßen. Vor Lyåsa geht es stetig bergauf bis zu einer Hochebene mit den wahrscheinlich hübschesten roten Schwedenhäuschen und den blühendsten Bauerngärten Smålands. Fast erwartet man, dass jeden Augenblick der Michel oder Klein-Ida um die Ecke gerannt kommen. Von dort sind es noch einige Kilometer bis Flathalla, wo eine kleine rote Stuga für die Nacht auf mich wartet. So etwas wie eine Rezeption gibt es nicht. Alles Nötige wurde telefonisch besprochen, der Schlüssel steckte in der Tür und auf dem Küchentisch liegt ein Zettel mit dem Preis für die Nacht. Ich bin nicht sicher, ob ich noch den Warmwasserboiler anstellen muss. Aber das gastankähnliche Teil unter der Spüle sieht gefährlich aus und die Beschreibung, was im Falle einer Fehlfunktion zu tun ist, damit es nicht explodiert, trägt nicht zu meiner Beruhigung bei. Dann betrete ich todesmutig die 1,5 m² große Nasszelle – es Badezimmer zu nennen wäre euphemistisch – und … das Wasser ist warm.

Zum Abendessen gibt es heute Fussili Carbonara. Schön, was man heutzutage alles gefriergetrocknet und gewichtsreduziert in Tüten kaufen kann. Sehr praktisch für eine Wanderung. Anschließend gelingt es mir, trotz einer Auswahl von vier Fernbedienungen (und ich sehe nur zwei Geräte), dem Fernseher, der noch aus der Anfangszeit des Farbfernsehens zu stammen scheint, Ton und Bild zu entlocken, so dass ich mich am Abend über die aktuellen WM-Ergebnisse informieren kann. Pay-TV wäre in dieser einfachen Hütte zu viel verlangt, man empfängt die gleichen drei schwedischen Programme, die wir auch zuhause haben. Dann muss ich noch die schwierige Entscheidung treffen, in welchem der zwei Stockbetten in dem 5 m² großen Schlafzimmer ich schlafen möchte. Unten rechts scheint mir angemessen für diese Nacht. Die Matratze ist auch nur ganz wenig fleckig.

Der nächste Morgen bringt wieder strahlenden Sonnenschein, obwohl für den Mittag Regen angesagt ist. Und so zippe ich zeitig die Hosenbeine meiner schicken neuen Multifunktions-Wanderhose ab und schnüre meine Wanderschuhe für die letzte Etappe. Jetzt geht es über Landstraßen weiter. Lang, einsam und immer geradeaus am Ostufer des Rusken entlang. Könnte auch Westfrankreich sein. Etwa alle halbe Stunde werde ich von einen Auto überholt und gelegentlich winkt ein Fahrer der einsamen Wanderin zu. Ansonsten wird die Stille nur von Vogelgezwitscher unterbrochen. Nach einer Rast auf einem Bootssteg am Rusken leert sich der Rucksack allmählich und wird doch immer schwerer. Der Regen kommt nicht, dafür gibt der schwedische Sommer alles. 26 °C und wenig Schatten schreien nach Abkühlung. Meine Füße fühlen sich wund an, nach jeder Pause fällt das Weitergehen schwerer. Irgendwo kreuzt eine Rehmutter mit ihrem Kitz die Straße. Um die Mittagszeit bestelle ich G. für 14.30 Uhr zum Abholen an das Kloster Nydala. Obwohl ich so gut ausgeruht und frisch losgelaufen bin, schwinden meine Kräfte von Minute zu Minute. An einer Badestelle plantschen Kinder im See. Jetzt da reinspringen…. Aber stehen bleiben darf ich jetzt nur noch zum trinken. Sollte ich mich jetzt hinsetzen, wäre die Wanderung entgültig für mich vorbei. G. ist pünktlich am vereinbarten Ort. Ich bin es nicht. Deswegen kommt er mir entgegen. Etwa 2 km vor dem Ziel bin ich am Ende meiner Wanderung angelangt. Denn Rest bis zum Kloster legen wir im Auto zurück. Einmal durch die Kirche humpeln. Der schwere Rucksack, die Hitze und die schlecht eingelaufenen Schuhe haben meine Wanderung zu einer echten Herausforderung gemacht. Aber kalte Füße hab ich definitiv nicht bekommen!



Midsommar 2014

Kinder Posted on Sat, June 21, 2014 15:13:33

Dieser Midsommartag dürfte wohl zumindest Anica in guter Erinnerung bleiben. Da sie im richtigen, sprich: heiratsfähigen, Alter ist, durfte sie heute mit 24 anderen Mädchen und 5 frisch verheirateten Paaren ihre Zuwendung aus dem Annette von Liewen Gedächtnisfond entgegennehmen. Dazu gab’s ein Büchlein über die Geschichte von Bäckseda. Der diesjährige Midsommartag dürfte wohl genauso kalt sein, wie damals, 1835, als Annette von Liewen ihren Leutnant in Stenberga (!) kennengelernt hat. In Stenberga ist heute, 179 Jahre später, Anicas Freund Milad zuhause. Wollen wir hoffen, dass sie sich mit dem kurzen Kleidchen auf dem Friedhof nicht verkühlt hat!



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