Liseberg oder Achterbahnfahrt der Gefühle

7.30. Musikschule. Der Aufzug ist bis zum zulässigen Gesamtgewicht mit Kisten und Koffern beladen. Und ich dachte in meiner Einfalt, jeder Schüler bringt sein Instrument selber mit. Aber Schlagzeug, Notenständer und was sich sonst noch so in den diversen Koffern verbirgt stellt die Musikschule und muss nun in den Bus gepackt werden.

7:45. Die Motoren starten. Jetzt noch die Kofferraumklappe schließen und den letzten Rucksack in den Bus holen und schon kann es los gehen. Das Bredbandet ist auf dem Weg nach Göteborg. Ich darf als Begleiperson mitfahren. Noch ist es nicht zu peinlich, die Mama dabei zu haben.

10:00. Der Koffeinspiegel ist soweit gesunken, dass eine Pause unvermeidlich wird. Und ca. 25 Kinder stehen vor einer Toilette Schlage.

10.45. Ankunft in Liseberg. Besonderer Empfang für besondere Gäste. Wir nehmen den Künstlereingang und werden zum Tanzpavillon geleitet. Erschreckend ruhig ist es noch, insbesondere in dieser Ecke des Parkes.

12.00. Vorhang auf für das Bredbandet Vetlanda! Sieben Elternteile und ein paar zufällig vorbei kommende Parkbesucher werden mit einer ganz besonderen Vorstellung belohnt.

12.45. Das war die Arbeit. Nun kommt das Vergnügen. Mittagessen in Liseberg heißt Pizzabuffet bis zum Abwinken. Ob das ein gute Idee ist? Draußen warten schon etliche Achterbahnen unterschiedlichster Ausführung darauf, gefahren zu werden. Nach dem Essen bekommt jeder einen Fahrpass für den Tag und nach “all you can eat” jetzt also “all you can drive”. Freibilletts auch für die die Eltern. Und gemäß dem Motto “Alter schützt vor Torheit nicht” wage ich die erste Achterbahnfahrt meines Lebens. Schließlich steht in Liseberg die weltbeste Achterbahn aus Holz.

http://liseberg.se/sv/hem/Nojesparken/Attraktioner/Balder/

Vielleicht hätte ich allerdings erst üben sollen??? Da das Gefühl unbeschreiblich ist, versuch ich es gar nicht erst.

Ein Erlebnis der besonderen Art ist das Spukhotel. Wir sind fünf: Felix, sein Freund Joel, den wir im Park getroffen haben, zwei Teenager-Mädchen, die vorsichtshalber doch lieber zusammen mit einer Mama gehen wollen, und ich. Die Tür fällt knarrend ins Schloss – wo war nochmal der Notausgang??? Zunächst muss der Führer der Gruppe auserwählt werden … and the winner iiiiiiisss: Felix! Den Jüngsten an die Spitze. Die bleiche Lady in Schwarz erklärt ihm noch, dass er die Verantwortung trägt, nicht vom Weg abzukommen. Es gibt aber noch einen zweitunbeliebtesten Platz in der Gruppe – nämlich ganz hinten. Als dienstältester und einziger Mama in diesem elendigen Haufen bleibt auch mir nichts erspart. Singen und Pfeifen ist erlaubt, die Hände von den Schultern des Vormannes zu nehmen nicht. Im Gänsemarsch tasten wir uns im Dunkeln auf schrägen Böden durch verwinkelte Gänge voran. Bleiche, zerlumpte Gestalten aus einer anderen Zeit tauchen plötzlich lautlos vor, hinter und neben uns auf, verschwinden wieder und kommen gefährlich nahe, öffnen Türen oder stehen am Fenster… Während wir panisch voran irren, singt die junge Dame vor mir lauthals und unterbricht sich nur gelegentlich um die Spukgestalten mit “din jävla kärring!” (was wir hier nicht weiter übersetzen wollen) in die Flucht zu schlagen – wenigstens hört man so die Schreie der anderen nicht so sehr. Und dann wird es doch noch hell am Ende des Ganges. Und nie sah man vier Unterzwanzigjährige so schnell laufen…

Wieder draußen stellt sich einem die berechtigte Frage, wie ein ein paar weiß geschminkte Gestalten es schaffen, derartigen Schrecken zu verbreiten.

Die Wechselkleidung wird dann auch noch gebraucht. Allerdings nicht nach dem Besuch des Spukhotels. Da hatten sich noch alle unter Kontrolle. Die dritte Fahrt mit der Wildwasserbahn verläuft nicht ganz planmäßig. Dann noch schnell eine letzte Runde mit der Lisebergsbahn, nicht zum Vergnügen, nur zum Trocken.

19.15. Pünktlichkeit ist des Schweden oberste Bürgerpflicht. Und die Einhaltung der Arbeitszeiten. Daher wird bei der Abfahrt keine Verzögerung geduldet. Felix ruht sich im Bus ein wenig aus, um dann zuhause jedes Detail jeder einzelnen Achterbahnfahrt genau berichten zu können und plant schon mal die nächste Fahrt nach Liseberg für den Sonntag. Zumal ja noch ein Freibillett übrig ist.


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