Annette von Liewen – unglückliche Liebe anno 1835

Annette von Liewen, ein junges Adelsfräulein aus dem kleinen Ort Bäckseda, mitten in Småland, wäre voll längst in Vergessenheit geraten, wäre sie nicht damals zu Midsommar 1835 mit ihren Eltern zu Gast bei einer Hochzeit auf Salshults Gård in Stenberga gewesen. Sie war 15 Jahre alt, anmutig und trug dunkle Zöpfe, die bis zum Boden reichten, wenn sie sich setzte – so wird es bis heute erzählt. Dort, auf Salhults Gård traf sie ihre erste und letzte große Liebe, den Husarenleutnant Georg Fleetwood.

Sie lustwandelten und tanzten in der Midsommarnacht und bereits eine Woche später versprach Annette dem Leutnant ihre Hand. Der gestrenge Vater, Freiherr Malte von Liewen, der Richter in Eksjö war, war jedoch ganz und gar nicht angetan von der Liebe seiner Tochter. Zwar war der Leutnant ebenfalls von adligem Geblüt, doch leider hoch verschuldet. Nie und nimmer wollte der wohlhabende und ehrenwerte Freiherr sein einziges Kind einem armen Millitärangehörigen zur Frau geben.

Und dann schlug das Schicksal mit unbarmherziger Härte zu. Der nächtliche Spaziergang waren nicht ohne Folgen geblieben. Wer einmal den Midsommar in Schweden gefeiert hat, weiß wie kalt es zu dieser Zeit sein kann. Annette zog sich eine Erkältung zu, die zu einer Lungenentzündung fortschritt. Es kam zu Komplikationen, die in Tuberkulose gipfelten. So sehr sie auch flehte, der Freiherr erlaubte nicht, dass seine Tochter während ihrer Krankheit den Geliebten sehen durfte. Allmählich erlosch ihr Lebensfunke. Erst auf dem Sterbebett ließ sich der Vater erweichen und erlaubte schließlich die Verlobung mit dem verarmten Baron. Doch es war zu spät. Annette starb an Allerheiligen im Jahr 1837, gerade einmal 17 Jahre alt.

Annette von Liewen liegt auf dem Kirchhof von Bäckseda begraben. Die Eltern wählten eine Grabstätte auf dem nördlichen Teil des Friedhofs, wo zu jener Zeit Kinder und arme Leute beerdigt wurden. Ob die Standesdünkel des Vaters gewichen waren oder ob es einfach daran lag, dass die Eltern die Grabstätte von ihrem Zuhause Sliparegården aus sehen konnten? Wir wissen es nicht. Tatsache ist, dass die Reue schwer auf dem Freiherrn lastete. In seinem Testament verfügte er, dass nach seinem Tod sein Besitz dem Sprengel zufallen sollte und dass ein Erinnerungsfond mit dem Namen seiner Tochter eingerichtet werden sollte. Aus diesem Fonds erhalten alljährlich am Midsommartag eine gewisse Anzahl heiratsfähiger Mädchen und frisch verheirateter Paare aus Bäckseda eine Zuwendung, eine Art Mitgift. Eine Tradition die bis heute fortbesteht. Auch gewährte er seiner Dienstmagd und der “Jungfrau”, einer weiteren Bediensteten, eines lebenslange Pension. Zu jener Zeit eine revolutionäre Leistung.

Heute lebt Annettes Liebesgeschichte in den Töchtern und Frischvermählten von Bäckseda fort. Am Morgen des Midsommaraftontages (also der Tag vor Midsommar) um 7.00 Uhr finden sich die Eltern der Empfängerinnen vor der Kirche von Bäckseda ein, um Birken zu schlagen und die Kirche zur schmücken. Ab 8.00 treffen sich dann die Mädchen und frisch Verheirateten. Früher schrubbten sie dann auf Knien die Kirche, mittlerweile hat man den Mädchen diese Plicht erlassen. Heute werden lediglich Aufstellung, Einzug und Überreichung der Zuwendung geprobt. Die eigentliche Vergabe findet am Midsommartag statt. Von Liewen hat testamentarisch verfügt, dass die Zuwendung am Ende des Midsommar-Gottesdienstes persönlich überreicht werden muss und so geschieht es bis heute.

Die Stiftung verfügt über ansehnliche Güter, vorwiegend Wälder, rund um Bäckseda, die gute Gewinne abwerfen. Und so wird wohl auch in Zukunft dafür gesorgt sein, dass die Mädchen und Neuvermählten von Bäckseda in den Genuss einer Zuwendung kommen werden. Die einzige Anforderung: die Mädchen müssen 16 bis 20 Jahre alt sein und seit mindestens 5 Jahre in Bäckseda wohnhaft sein.


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